Fr., 19.04.2024 // 20:00

CLEMENS CHRISTIAN POETZSCH: CHASING HEISENBERG

TUFA Trier – Kleiner Saal
Konzert
CLEMENS CHRISTIAN POETZSCH: CHASING HEISENBERG

Seine ersten Klavierstunden erhielt der in Dresden aufgewachsene Clemens Christian Poetzsch von seinem Großvater, einem Opernsänger. Schnell wurde er in die Welten von Bach, Schubert und Clementi eingeführt. Bis er im Alter von zehn Jahren von seinem Vater ein Notenheft mit Frank-Sinatra-Standards geschenkt bekam, das seine Ohren für weitere musikalische Möglichkeiten öffnete und dazu führte, dass er schon bald Mitsing-Klassiker in der nachbarschaftlichen Bar spielte. Das Klavier stand in dieser Bar neben der Küche und genau dort fing es an, dass Poetzsch zuerst begann zu improvisieren und später mit Songstrukturen herumspielte. Dies geschah aus dem Umstand heraus, dass Poetzschs Notenblätter jedes Mal herumwirbelten, wenn ein Kellner durch die Flügeltür ging und der Pianist ohne weiterspielen musste.

Diese prägenden Erfahrungen begleiteten ihn auch während seiner klassischen Ausbildung am Konservatorium Dresden. Während seines Klavier- und Kompositionsstudiums verbrachte er seine Freizeit am liebsten in Jazz- und Improvisationsbands mit Freunden und Kommilitonen. Er trat auf, tourte, entdeckte elektronische Musik und saugte soviel Wissen wie möglich auf. Und was mehr aus Spaß und dem Verlagen „Umgebungen zu suchen, in denen ich mich überraschen konnte“ heraus begann, prägte seine Musik zunehmend. Mit seiner vorherigen Band MASAA veröffentlichte Poetzsch drei Alben und tourte im Auftrag des Goethe-Instituts durch Afrika, Jordanien, den Libanon und die Türkei. Neben seiner Solo-Arbeit arrangierte und produzierte er für Künstler wie Rammstein oder Daniel Hope und stand zusammen mit Sven Helbig, Till Brönner oder der Philharmonie Baden-Baden auf der Bühne. Poetzschs Zugang zum Experimentieren, wie auch zu Kollaborationen, besteht schlicht daraus, einzutauchen und zu schauen, was funktioniert, mit Hilfe von „Trial and Error“. Seine beiden vorangegangen Alben The Soul of Things und Remember Tomorrow zelebrierten die flüchtigen und unbeschreiblichen Momente, die seine Kreativität leiteten, vom banalen Objekt zum plötzlichen Déjà-vu. Nun veröffentlicht Clemens Christian Poetzsch Chasing Heisenberg als drittes und letztes Album seiner Trilogie als volle Hingabe an die zufälligen Funken der Schönheit, die ihn inspirieren.

Der Albumtitel Chasing Heisenberg ist eine Hommage an den Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg, der 1927 die Heisenbergsche Unschärferelation entdeckte und formulierte. Das Prinzip belegt die Unmöglichkeit, Ort und Impuls eines Elektrons gleichzeitig genau bestimmen zu können. Es gilt als wesentliche Grundlage der Quantenphysik. Über ihre Bedeutung innerhalb des wissenschaftlichen Kontexts hinaus berührt die Heisenbergsche Unschärferelation aber auch etwas, das viel existentieller ist: sie beweist mathematisch, dass sich einige Dinge außerhalb unserer Reichweite befinden und unerkennbar bleiben. Diese Unbekannte liegt, so Poetzsch, jedem künstlerischen Streben zugrunde, nicht zuletzt auch seinem eigenen: „Alles, was ich tun kann, ist musikalische Ressourcen wie Spieltechniken oder Harmonielehre zu nutzen, um optimale Umstände zum Komponieren und Spielen zu schaffen. Und doch ist die essentielle Komponente, der Funke, den wir Inspiration nennen, etwas, das man nicht erzwingen oder vorhersehen kann.“ Mit Chasing Heisenberg scheint der Komponist aufgehört zu haben, das Unlösbare lösen zu wollen und findet sich stattdessen mit dem Mysterium ab. „Dieser Funke versetzt mich und jeden anderen Künstler in die Lage, authentische Kunst zu schaffen. Wir streben unser ganzes Leben danach, versuchen es zu verstehen und reduzieren es auf eine Formel – und doch werden wir es nie schaffen, in seine innersten Natur vorzudringen.“ So wie The Soul of Things und Remember Tomorrow wurde auch Chasing Heisenberg an einem Steinway D-Konzertflügel aufgenommen, was die Musik klar und gleichzeitig warm klingen lässt. Trotzdem sind diese Stücke im Gegensatz zu denen der ersten beiden Alben flüssiger und offener, als hätte sie Poetzsch beim Spielen erst erfunden. „Mein kreativer Prozess, ebenso wie dieses Album, bestehen aus einem konstanten Zusammenspiel von Komposition und Improvisation. Ich mag es, wenn nicht mehr nachvollziehbar ist, wo Improvisation anfängt und Komposition endet und andersherum“, sagt er. Trotz technisch unterschiedlicher Elemente wollte Poetzsch Improvisation und Komposition ineinander fließen und verschwimmen lassen. Diese Mischung ist vielleicht am meisten im Stück Flimmern spürbar, durch eine strukturierte und beständige Melodie, die nach und nach Schwung aufnimmt und zu einem Eigenleben führt. Das Stück wird auf den Kopf gestellt, was einst träge war verwandelt sich zu einer unkontrollierbaren Kraft. Es drückt eine radikale Freiheit aus, die unerwartet und unvorhersehbar ist und aus einem kleinen Flackern erwächst – und hält damit auch fest, wie Poetzsch seinen eigenen kreativen Prozess selbst sieht: „Manchmal sind es eher kleine Ereignisse oder Momente: Begegnungen, Reisen oder Gespräche, die einen langen Gedankengang auslösen können, in dem ultimativ Inspiration zu finden ist.“ Über diesen Spürsinn verfügte Clemens Christian Poetzsch schon immer, besonders aber während seiner Zeit in Jazzbands. „Es ist immer ein Dialog und Du suchst Dich im gegenseitigen Spiel, einem gemeinsamen Moment entgegen improvisierend“, erinnert er sich. Die Suche nach dem richtigen Timing für musikalische Schätze bildet immer noch einen wichtigen Teil von Poetzschs Musik, auch wenn er von Jazz zu moderner Klassik übergewechselt ist. In Anmut geht es um Idee des Glückes in einem selbst und darum, wie Anmut in den Pausen gefunden werden kann. Das Stück formt eine ruhige Erinnerung daran, dass Timing und Veränderungen über alle kontrollierbaren Variablen hinaus alles sind. „Dieser Moment, wenn sich die Musik durch eine Veränderung der Harmonien oder ein unerwartetes Element hindurch öffnet – das ist nach wie vor ein großer Teil meiner Musik.“

COPYRIGHT: Sandra Ludewig

Veranstalter: TuFa e.V. | Großer Saal
Eintritt: VVK 14,58/17,88 € inkl. Gebühren AK 16/19 €

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